Wo bitte geht’s denn hier zum Strand? Ein Streifzug durch Barcelonas kleinstes Stadtviertel


Die schwarzbraunen Augen stehen weit offen, die Lippen sind eng zusammengepresst. Leicht rosa glänzt die feuchte Haut im warmen Scheinwerferlicht. Seit Stunden schaut er gelangweilt geradeaus. Das bunte Treiben direkt vor seiner Nase interessiert ihn nicht. Menschen eilen vorüber, schleppen schwere Taschen und ziehen karierte Köfferchen hinter sich her. Lluerna ist sein Name. So betitelt ihn jedenfalls das kleine, handbeschriftete Schild neben ihm. Sein Preis liegt heute bei 19,90 Euro. Pro Kilo! Der Knurrhahn hat heute schon einen weiten Weg hinter sich. Jetzt liegt er eisgekühlt in der Fischtheke von „Montse i Sònia“ in der Markthalle von Barceloneta, dem kleinsten Stadtteil Barcelonas.

Fische und Meeresfrüchte versprechen die schnörkeligen Buchstaben von Stand Nummer 48. Hellblau leuchten kleine Krabben, Seepferdchen und Muscheln auf dem Plakat - mit wenigen Strichen fast künstlerisch dahin geworfen und doch lebendig. Im Gegensatz zum Großteil der Auslage. Rötlich streifige Thunfischstücke teilen sich das Eisbett mit orangefarbenen Langusten, Goldbrassen liegen neben einem Bund Stabmuscheln. Während sich im berühmten Mercado de la Boqueria an der Rambla unzählige Touristen drängen, kaufen in der kleinen Markthalle von Barceloneta zumeist Einheimische ein.

Ende des 18. Jahrhunderts entstand Barceloneta in einem sandigen Areal außerhalb der damaligen Stadtmauern. Seeleute, Fischer und Kunsthandwerker ließen sich in den schachbrettartig angelegten Straßen direkt am Meer nieder. Mit dem Rückgang der Fischerei im letzten Jahrhundert verfiel das alte Viertel, die Kriminalitätsrate stieg. Erst 1992 brachten die Olympischen Spiele Veränderungen für die Region. Häuser wurden renoviert, kleine Fischrestaurants am Strand wichen einer modernen Promenade. Dennoch hat Barceloneta seinen dörflichen Charakter behalten. Enge, lange Gassen durchziehen das Viertel in Nord-Süd-Richtung, das Zentrum bildet der Plaça de la Font mit der alten Markthalle.

„Señor, Señor!“ Die Rufe des kleinen, dunkelhaarigen Jungen schallen über den Platz. Ein gräulicher, leicht schlaffer Fußball rollt einem der wenigen Touristen Barcelonetas vor die Füße. Gekonnt kickt er den Ball zurück. Der Junge im rotblauen, viel zu großen FC Barcelona Shirt winkt glücklich. Jeden Tag spielen die Kinder des Viertels hier. Träumen von einer Karriere beim großen Verein auf der anderen Seite der Stadt. Ältere Männer sitzen auf den dunklen Holzbänken über ihr Brettspiel gebeugt. Für die Frauen ist heute Waschtag. Auf nahezu allen Balkonen flattern bunte Handtücher, Kleider und Bettlaken hoch über der Straße.

An der Meerseite des Viertels erstreckt sich die Bademeile Platja de Barceloneta. Inlineskater, Jogger und Radfahrer auf den rotweißen Leihfahrrädern Barcelonas flitzen über die Promenade, an dessen Ende seit 2009 das segelförmige Fünfsternehotel „W“ in den Himmel ragt. Die Straßencafés und Restaurants sind voller Menschen. Der Meerblick hat aber seinen Preis. Günstiger lässt es sich mitten in Barceloneta speisen. Hier gibt es noch Mittagstisch für kleines Geld. Calamares, Dorade oder Fideuà, die traditionelle Nudelvariante der Paella, stehen auf der Speisekarte. Der Knurrhahn wird hier nicht angeboten, er muss einen anderen Käufer gefunden haben.


08.09.11 16:39

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Über die Autorin: Brigitte Bonder

Brigitte Bonder hat Geoinformatik in Münster studiert und lebt im Ruhrgebiet. Seit 2010 arbeitet sie als freie Reisejournalistin für Tageszeitungen und Online-Magazine. Ihre Themen drehen sich um Städtetrips und Outdoor-Reisen.

Kontakt:
Telefon: +49 (0)171 / 36 03 684,
E-Mail: mailto:info(at)brigittebonder(dot)de
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