Kommentar: Ordnung in das Abtreibungsrecht bringen
MADRID: Unter dem Francoregime war Abtreibung selbstverständlich verboten und Frauen, die es dennoch taten, wurden schwer bestraft. Wie im faschistischen Deutschland unter Hitler galt auch in Spanien eine Familie mit vielen Kindern als wichtigste Stütze der Gesellschaft. Da dies dem iberischen „Machismo“, also dem Überlegenheitsgefühl der Männer gegenüber den Frauen entgegenkam, hatten in den zwei Generationen, die Franco herrschte, viele Frauen bis zu zehn und mehr Kindern. Dies entsprach auch dem Wunsch der katholischen Kirche, die in Spanien traditionell sehr stark und mächtig war. Daher tat sich die spanische Regierung nach Francos Tod und der Verabschiedung der ersten demokratischen Verfassung nach dem Militärregime schwer, das heikle Thema „Abtreibung“ zu diskutieren.
Gegen harten Widerstand wurde schliesslich eine Lösung gefunden, die eine freiwillige Schwangerschaftsunterbrechung möglich machte, allerdings nur unter der Voraussetzung gewichtiger Beweggründe wie beispielsweise körperliche Schäden des ungeborenen Wesens, unerträgliche seelische Belastung für die Mutter oder eine vorhergehende Vergewaltigung. Jetzt soll das Abtreibungsrecht enorm liberalisiert werden: jedes Mädchen ab 16 Jahren soll die ungewollte Konsequenz ihres sexuellen Verhaltens straflos beseitigen dürfen, sogar ohne vorherige Beratung oder Rücksprache mit den Eltern.
Ministerpräsident Rodriguez Zapatero hatte Mühe, die Gegenkundgebungen im Zaum zu halten: nicht nur die verschiedenen inzwischen in Spanien zugelassenen Religionen und Konfessionen äusserten sich kritisch, sondern auch viele Bürger. Die freiwillige Tötung eines ungeborenen Lebens mit dem Hinweis darauf, es sei in den ersten Wochen ja nur „eine gewisse gallertartige Masse“ stösst viele nachdenkliche Menschen ab. Schliesslich ist diese Entwicklungsstufe die biologische Voraussetzung dafür, dass der Mensch zu einem solchen heranreifen kann. Die Unterbrechung dieses Reifungsvorganges durch willkürliches Einschreiten der zukünftigen Mutter ist und bleibt daher nach Meinung vieler Spanier ein Tötungsdelikt.
Am 17. Oktober findet in Madrid eine Grosskundgebung statt. Dort werden zwei Gruppen von Frauen voraussichtlich kampfbereit und aggressiv aufeinander treffen: die Feministinnen, denen die geplante Regelung immer noch nicht weit genug geht. Sie probten den Aufstand schon am letzten Sonntag in der spanischen Hauptstadt, wo sie das neue Gesetz als eine „Beschneidung weiblicher Rechte“ und als „Rückschritt“ kritisierten. Manche Frauen trugen auf dem Rücken ein Plakat mit dem Bild des Papstes, der statt seiner Tiara einen überlebensgrossen Pariser auf dem Kopf trug. Vertreter der verschiedenen Kirchen und Gegnerinnen der allzu freien Abtreibung, die in Kürze erlaubt sein soll, werden ihrerseits ihre Überzeugung mit Plakaten und Schlagworten vertreten.
Zur vorbeugenden Abmilderung der vermutlich hoch schlagenden Wellen in diesem schwierigen Thema liess die Regierung in Madrid wissen, dass diejenigen Ärzte mit Gefängnis und jahrelangem Berufsverbot bestraft werden sollen, die Abtreibungen „ausserhalb der gesetzlich genehmigten Fälle“ vornehmen. Aber wenn schon ein 16jähriges Mädchen ungestraft ein total gesund gezeugtes Kind jederzeit abtreiben darf, wo sollen denn dann noch „Fälle ausserhalb der gesetzlichen Normen“ gegeben sein?
Autor: Angelika Eisenführ
Mit freundlicher Genehmigung von www.arena-info.com – ARENA - Der deutschen Tageszeitung für das Alt Empordá
30.09.09 15:54
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