Grenzfestung und Märchenschloss - Das Castillo Requesens

An St. Joan 1899 bewegte sich ein feierlicher Zug zur Burg von Requesens hinauf. Vornehm gekleidete Menschen saßen in Kutschen, die den steinigen Weg hinauf holperten, Landvolk in Feiertagskleidung zog zu Fuß hinterher.

Oben auf dem Berg traten die Menschen aus dem Korkeichenwald. Der Blick öffnete sich auf die umliegenden Berge des Alberes-Gebirge. Über der Burg im Norden ragte der Puig Neulos, der Frankreich von Katalonien schied. Doch was den Blick der Menschen anzog, lag vor ihnen. Vor ihren Augen erhob sich ein  phantastisches Schloß. Gewaltige zinnenbekrönte Mauern stiegen empor, hohe Türme ragten in den Himmel. Der Traum von einer Ritterburg war wahr geworden.

Der Zug machte Halt. Menschen kletterten aus den Kutschen.
Die festliche Menge zog durch ein umkränztes Tor, Weihwasserkessel schwenkende Geistliche schritten voran. Hinter ihnen eine vornehme, ältere Dame in Schwarz. Es war Dona Juana Adelaida, Gräfin von Montenegro und Peralada.

Sie war die letzte einer berühmten katalanischen Adelsfamilie, der Grafen von Peralada, aus der Linie der Rocaberti-Dameto-Boxador. Schwarzes Kleid, schwarzen Schleier und Hut deuteten darauf hin, dass die Dame in Trauer war.
Im Januar des vergangenen Jahres war ihr Bruder, Don Tomas de Rocaberti-Dameto, Graf von Peralada und Vizegraf von Rocaberti, Abgeordneter, Diplomat, großer Kunst- und Bücherfreund, gestorben.

Die Wiedererrichtung des verfallenen Schlosses Requesens, das den Rocabertis 500 Jahre gehört hatte, war ihr gemeinsames Ziel gewesen. Welche Mühen, welchen Sachverstand, welche Kosten hatten sie aufgewandt, um ihren Traum  zu verwirklichen! Neun Jahre hatten die Bauarbeiten gedauert. Nun war es so weit, das Schloss wurde eingeweiht.

Nach dem Vorbild des großen französischen Architekten und Restaurators  Viollet-le-Duc hatte ein Architekt aus Figueres den Wiederaufbau geleitet.
Nun hatten auch die Katalanen ihr Neuschwanstein, ihr Märchenschloß, ein Denkmal der großen Vergangenheit der Rocabertis und Kataloniens.
Es war ein katalanisches Bauwerk geworden, bodenständig, teilweise auf den Grundmauern der alten Burg errichtet, mit Bruchsteinen der Umgegend, auch innen katalanisch gestaltet.

Vor dem Portal der Schloßkirche machte der Zug Halt. Das Portal war aus  Steinen der zum Bauernhof umgewandelten alten romanischen Wallfahrtskapelle Santa Maria de Requesens gefügt. Sie liegt unterhalb der Burg, nach Süden hin. Zur "Muttergottes von Re-quesens", die auch "Jungfrau des Erbarmens" hieß, waren unzählige Pilger aus der Umgegend gezogen, um ihre Hilfe zu erflehen. Berühmt war vor allem die "Tramontana-Prozession" von 1612 bis 1868, bei der Gläubige aus Figueres, Castello d´Empuries und anderswoher kamen. Sie baten um den "reinigenden" Tramuntana-Wind, der sie von den krankmachenden Folgen der Ausdünstungen von Seen und Sümpfen befreien sollte. Nun war das gotische Muttergottesbild in die Schloßkapelle gebracht worden. Ein zweites Marienbild hatte man aus dem aufgehobenen Carmen-Kloster in Peralada geholt, die "Virgen del Carmen" oder "de la Divina Providentia" (Göttliche Vorhersehung). Im Bogen des Portals der Schlosskapelle war entsprechend eine Muttergottes mit Kind eingesetzt worden.
 
Die Teilnehmer des Festzuges betraten das kerzenerhellte Innere der Kirche, das man dem romanischen Stil nachempfunden gestaltet hatte. Eine feierliche Messe begann.

Nach dem Gottesdienst war die Besichtigung des Schlosses für die Gäste aus Adel und wohlhabendem Bürgertum, den Vertretern aus Politik, Gelehrsamkeit  und Kunst sowie den Honoratioren der umliegenden Dörfer und Städte angesagt.
Zuerst ging´s ins "Hospital", das Gäste- und Krankenhaus, das in alter Tradition neben der Kirche lag, wie es sich für eine Wallfahrtskirche gehört. Dann wurden die staunenden Besucher durch ein Labyrinth von mauernumsäumten Gebäuden mit hellen Sälen, Küchen und Zimmern, durch Tore und dunkle Gänge, über winklige Treppen zu weiten Terassen und Gärten mit Teichen und plätschernden Brunnen geführt. Die Zimmer und Unterkünfte waren in katalanisch-ländlicher Art im Geschmack der Zeit zum Wohnen und Leben ausgestattet; die Säle entsprachen romantischen Vorstellungen vom Ritterleben. Allerlei Zierrat war zu sehen, bunte Kacheln, phantastische Figuren, im Stile des Modernisme, des katalanischern Jugendstils. Von Türmen und Mauergängen hatten die Besucher einen weiten Blick ins Land, das den Herren von Peralada untertan war.
Nach dem Rundgang begann ein rauschendes, mehrtägiges Fest, das im Haupthaus und im großen Saal unterhalb des gewaltigen Bergfrieds stattfand.

Wer von den Festbesuchern mag wohl geahnt haben, welches Schicksal die
"Vorsehung" dem Schloß vorherbestimmt hatte? Schon nach dem Einweihungstag erkrankte Dona Adelaida schwer und noch im selben Monat verstarb sie. Man munkelte von Giftmord.

Das Schloß ging in die Hände von entfernten und desinteressierten Verwandten über, die schließlich das gesamte Erbe der Rocaberti veräußerten, weil sie es aus finanziellen Gründen nicht mehr halten konnten. Die Zeit des Adels war vorbei, vom vergangenen Ruhm ließ  sich nicht mehr leben.
Requesens wurde dann von verschiedenen Besitzern aus Adel und Bürgertum erworben, für die Schloß oder umgebende Ländereien Ausbeutungsobjekte waren. Im spanischen Bürgerkrieg wurde das Castillo geplündert.
1942  wurde das Schloß  von seinem adligen Besitzer verkauft, total ausgeräumt und verlassen. In der Franco-Zeit dienten die Behausungen Sodaten, die die Grenze bewachten, als Kaserne. Sie verließen das Kastell im ruinösen Zustand.
Die heutigen Besitzer verwahren das Schloß so, dass es wenigstens nicht mehr weiter beraubt oder zerstört wird.

Trotz des traurigen Zustandes, in dem sich das Schloß heute befindet, ist es immer noch, auch wegen seiner Lage, von zauberhaftem Reiz.
Man ahnt etwas von seiner einstigen Pracht und einer langen, wechselhaften Geschichte. Autor: Dr. Wolfram Janzen Quelle: ARENA



04.03.11 10:01

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