Vom Putschisten zum Gärtner - 23. Februar 1981
MADRID / SPANIEN (25.02.2011): Vor genau 30 Jahren waren sie Hochverräter, die Autoren des Staatsstreichs gegen die gewählte Regierung im Parlament von Madrid. Heute geniessen sie ihre wiedergewonnene Freiheit und mehr als einer von ihnen züchtet Avocados in Malaga, Kamelien in Santiago de Compostela oder Zitronen in Murcia.
Der Kopf des 23. Februar 1981, Alfonso Armada, wurde wie alle anderen Anstifter zu dieser Geiselnahme der Abgeordneten, die sich über 17 endlose Stunden hinzog, ehe sie wegen der Erschöpfung der Täter unblutig zu Ende ging, im Jahre 1983 vor Gericht gestellt. Man verurteilte ihn zu 26 Jahren Haft, aber schon nach fünf Jahren wurde er „aus Gesundheitsgründen“ begnadigt. Sehr schlecht kann seine Gesundheit auch damals nicht gewesen sein, denn heute ist der hoch dekorierte Militär 91 Jahre alt und beschäftigt sich noch immer mit seiner geliebtesten Blumenart, eben der Kamelie, auch wenn die Hobbygärtnerei so gut wie nichts einbringt. Der Anführer Antonio Tejero, Oberstleutnant der Guardia Civil, sass seine 15 Jahre Haft ab, einige darunter sogar auf der Festung Sant Ferran in Figueres.
Aber seit 1996 lebt er abwechselnd in Madrid und Malaga, wo er, der im Gefängnis das Hobby Malen entdeckte, nebenbei Avocados züchtet. In Madrid ist der 79jährige Mann, dem man auch in Zivilkleidung den ehemaligen Militär noch ansieht, oft auf einer Bank vor dem Parlament zu sehen, wie er mit energischer Miene und geballten Fäusten auf seine Zuhörer einredet. Zwar ist er auf den Pressefotos nicht zu hören, aber man darf vermuten, dass sein Thema mehr als einmal jener historische Überfall auf die junge Demokratie Spaniens sein könnte.
Einigen der zahlenmässig nicht genau erfassten Angreifer auf das Parlament an jenem 23. Februar gelang es, ihre frühere Position bei der Guardia Civil oder dem Militär wiederzuerlangen. Andere, wie beispielsweise Ricardo Pardo aus der Panzerdivision Brunete, der mit über 100 Mann dem Attentäter Tejero zu Hilfe gekommen war, konnte nach seiner Entlassung aus der Haft als Journalist arbeiten. Diese Ausbildung hatte er vor seiner Militärzeit durchlaufen und während der Haft mit einer Doktorarbeit abgerundet.
Auch über den gescheiterten Staatsstreich, den viele seiner Mitstreiter im Nachhinein als „chapuza“ bezeichneten, also Pfusch, veröffentlichte Pardo zwei Bücher.
Viele der Beteiligten, die zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, entdeckten in der Haft ihre Neigung zur Malerei. Vielleicht auch deshalb, weil diese Beschäftigung ihnen Haftvorteile brachte. Sogar Tejero selbst konnte nach seiner Entlassung im Jahre 1996 einige seiner im Gefängnis entstandenen Bilder verkaufen.
Ein weiterer Teilnehmer an dem brutalen Überfall vor 30 Jahren eröffnete später einen Reiterhof nahe bei Madrid und gab Reitunterricht; ein anderer konnte sich als Rechtsanwalt niederlassen. Nicht wenige der als „Mitläufer“ eingestuften jungen Männer, offenbar einfache Rekruten, die man zu dem teuflischen Attentat abgestellt hatte, ohne ihnen den wahren Hintergrund zu nennen, traten nach den spektakulären Vorgängen in das Grau ihres Alltags zurück, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt worden wäre. Eines ist sicher: hätte ein solcher Angriff zu Zeiten von Diktator Franco stattgefunden, alle, aber wirklich alle wären einer nach dem anderen vor ein Erschiessungspeloton gestellt worden.
So gesehen profitierten die Aggressoren gegen die junge Demokratie in Spanien von deren Grundsätzen.Quelle: ARENA
25.02.11 17:49
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