Der barfüßige Polizist von der Calle San Martín
Buenos Aires, Ende der 70er-Jahre. Killerkommandos der Militärjunta entführen, foltern und töten sogenannte "Subversive", 30.000 Menschen, die spurlos verschwinden, eine ganze Generation wird auf Anordnung der Machthaber eliminiert. Ernesto Mallo wäre einer von ihnen gewesen. Er ging rechtzeitig in den Untergrund und vertauschte das Megafon gegen die Schreibmaschine, das Arbeiterviertel gegen eine anonyme Hauptstadt-Kanzlei. Mallo begann zu schreiben. 30 Jahre nach dem Putsch der Generäle, betritt 2006 sein Kommissar Lascano die Bühne zwischen den Buchdeckeln. Ein Kommissar in der Schusslinie des staatlich organisierten Terrors. "Der Tote von der Plaza Once" und "Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin" - in zwei Kriminalromanen beschreibt Ernesto Mallo die Zeit des militärisch organisierten Verbrechens in Argentinien.
"Mit zwanzig Jahren habe ich gedacht, meine Aufgabe sei es, die Welt zu verändern", sagt Ernesto Mallo. Öffentlich über Gerechtigkeit zu debattieren war bereits vor dem Mai 68 gefährlich in Argentinien, geschweige denn für die Rechte der Arbeiter auf die Straße zu gehen.
Ernesto Mallo: "Die Nacht der langen Stöcke, so nannte man den Überfall der Polizei auf die Universitäten. Professoren, Angestellte und Studenten, alle mussten in zwei Reihen antreten und dann schlugen die Polizisten mit ihren langen Stöcken drauf. (...) In dieser Nacht verließen viele die Universitäten. In diesem Milieu von Willkür und Gewalt spielt Mallos erster Roman. Kommissar Lascano, den alle El Perro nennen, "der Hund", ist Witwer geworden, depressiv und desillusioniert. Da begegnet ihm ein merkwürdiger Fall: Zwei Opfer der Geheimpolizei und ein Geldverleiher namens Bittermann werden am Riachuelo aufgefunden.
Ernesto Mallo: "Jemand begeht ein Verbrechen, eine Beziehungstat. Und nun steht der Täter vor dem Problem, vor dem alle Mörder stehen: Wie schaffe ich diesen Kadaver weg?" Ernesto Mallo nannte den ersten der in diesem Jahr bei Aufbau vorgelegten Bände um den traurigen Kommissar Lascano, "Die Nadel im Heuhaufen - La Aguja en el Pajar". Ernesto Mallo: "Und weil der Mörder mit jemandem beim Militär befreundet ist, bittet er ihn, den Toten zwischen erschossenen Terroristen zu verstecken. Das war die Ausgangsidee. Eine Leiche wird unter anderen Leichen versteckt, wie eine Nadel im Heuhaufen."
Ernesto Mallo hat keinen Roman über die Diktatur der Militärs schreiben wollen, auch wenn die Atmosphäre der Zeit ihren Sog entfaltet, ob er nun das graue verhärmte Buenos Aires beschreibt oder die Autos, die damals das Straßenbild beherrschten. Ernesto Mallo: "Der Ford Falcon war das Erkennungszeichen der Diktatur." In seinem riesigen Kofferraum wurden viele abtransportiert. Ernesto Mallo interessiert sich für die Logik, die Grammatik der Gewalt. In Parallelmontagen und Rückblenden wechselt er die Perspektiven zwischen Opfern, Tätern, Mitläufern und Widerstandskämpfern.
Ernesto Mallo: "Viele halten diese Geschichte für einen politischen Roman, für eine Kriminalroman, ich aber wollte einen Roman über den Wahnsinn schreiben, über seine Logik, die alle erfasst, die Guerilla, wie die Täter oder den Kommissar, der mit seiner toten Frau spricht."
Nach der Diktatur
Um das verleugnete Erbe der Diktatur in Argentinien geht es Ernesto Mallo in seinem zweiten Lascano-Roman "Der barfüßige Polizist von der Calle San Martin". Zehn Jahre sind vergangen. 1980 ist die Diktatur vorbei, die Geschäfte boomen. Und keiner rechnet mehr mit den Protagonisten der Vergangenheit - ein spannender, ein leichtfüßiger, ein kluger Zugang zur jüngsten Geschichte Argentiniens.
Der barfüßige Polizist von der Calle San Martín
Mallo, Ernesto, Übersetzung von Matthias Strobel
ISBN: 978-3-351-03325-5
Verlag: Aufbau Verlag, 240 Seiten
Preis: 19,95 €
27.12.10 17:09
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